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Der Schritt zurück
Wie sich Alex Bregenzer nach Verletzung zurück auf die Rennstrecke kämpft

Ein eigentlich harmloser Trick stellt mit einem Mal das Leben von Alex Bregenzer auf den Kopf – im Text wird eindrucksvoll geschildert, welche Folgen eine solche Verletzung für einen Mountainbike-Profi hat, welche Rückschlüsse man daraus ziehen und wie man damit umgehen kann. Viel Vergnügen bei der Lektüre!

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„Das ist mein Karriereende!“ Kreuzbandriss und Bruch des Schienbeinkopfes. Als Alex Bregenzer diese Diagnose hört, ist das wie ein harter, unvermittelter Schlag mitten in die Magengrube – bei vollem Renntempo. Denn auch wenn Sportler nach schweren Verletzungen immer wieder erzählen, wie sie solche Rückschläge motiviert haben, noch stärker wieder zurückzukommen: Der erste Impuls nach so einer Horrornachricht ist totaler Kontrollverlust. Egal, ob für einen Spitzensportler oder jeden anderen Menschen – positiv ist in so einem Moment gar nichts, motivierend ganz bestimmt auch nicht.

# Nichts ist positiv an einer solchen Diagnose
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„Mich hat es komplett umgehauen, und ich konnte das erstmal gar nicht glauben“, erinnert sich der 23-jährige Mountainbike-Rennfahrer an seine erste Reaktion auf diese vernichtende Diagnose. Klar bedeutet eine schwere Verletzung für jeden Menschen einen harten Einschnitt, körperlich wie emotional. Weil neben der physischen Einschränkung, der Immobilität und den Schmerzen auch das Vertrauen in den eigenen Körper erst einmal komplett verloren geht. Für einen professionellen Sportler, der seinen Alltag, sein ganzes Leben nach dem Rhythmus von Training und Wettkampf taktet, ist so ein Einschnitt durch eine schwere Verletzung noch viel tiefer, der erste Schock noch ungleich größer.

# Die Diagnose kam für Alex Bregenzer sehr überraschend und traf ihn dafür um so härter
# Dank der modernen Medizin ...
# ... und der passenden Versorgung konnte Alex aber schnell wieder an seinem Ziel MTB-Profi weiterarbeiten

Wir Menschen brauchen Gewohnheiten und ein Ziel. Für Profis wie Bregi, wie ihn seine Rennfahrerkollegen und Freunde nennen, bricht mit der Diagnose beides weg, ohne Vorwarnung, ohne Zeit, sich darauf einzustellen. Sein gewohntes und geliebtes Leben, so getaktet und zielgerichtet wie es über die letzten Jahre für ihn gelaufen war, ist mit dieser Diagnose erstmal vorbei. Wobei Bregis Verletzungsgeschichte auf eine unglaubliche Weise ihren Lauf nahm, der einer typischen Erzählung von Rückschlag und Rückkehr nochmal ein paar fast übertrieben wirkende Pointen hinzufügt. Denn die Horror-Diagnose traf ihn erst mit ein paar Tagen Verzögerung. Zwischen der Verletzung, die er zuerst so heftig gar nicht wahrgenommen hatte, und der Diagnose ist der Rennfahrer mit dem Totalschaden im Knie noch bei der Deutschen Mountainbike-Meisterschaft im XCO auf den elften Platz gefahren. Mit gerissenem Kreuzband, mit gebrochenem Schienbeinkopf. Wie ist sowas möglich?

„Drei Tage vor der Deutschen Meisterschaft hab ich einen Threesixty gemacht und bin blöd gelandet, hab beim Abfangen das Knie etwas überstreckt“, fasst Bregi seinen Unfall kurz und knackig zusammen. Klingt gar nicht mal so schlimm. Wirkte für ihn auch nicht so dramatisch. Das Knie war geschwollen, Radfahren am nächsten Tag nicht wirklich möglich. Aber Bregi wollte ja die Deutsche Meisterschaft fahren – Stichwort: Sportler und ihre Ziele. Also machte er mit seinem Physio einen Stabilitätstest des Knies, nach Rücksprache mit seinem Orthopäden gab es das OK für den Start bei diesem Saison-Höhepunkt.
Hatte er am Start der Deutschen Meisterschaft keine Schmerzen, keine Vermutung, da könnte doch mehr sein als nur eine Schwellung im Knie? „Ich war etwas wackelig auf den Beinen, hab mich aber nicht von der Verletzung aus der Ruhe bringen lassen“, erinnert er sich heute lakonisch. Stichwort: Sportler und ihr Fokus. Wie groß der Einfluss von Motivation und dem Ausblenden aller störenden Begleiterscheinungen sein können, beweist Bregi bei diesem Rennen, seinem letzten für eine sehr lange Zeit: „Ich bin ein gutes Rennen gefahren, Platz 11 in der Eliteklasse“ – nicht ganz schlecht für einen Wettkampfeinsatz mit nur einem intakten Knie.

# Über Jahre beherrschte das Training und der Wettkampf das Leben von Alex Bregenzer

Am Tag nach diesem Rennen war die Abreise ins Trainingslager nach Italien geplant, nur zur Sicherheit entschied sich Bregi, davor doch nochmal zum Orthopäden zu gehen. Erst die Röntgenbilder und ein MRT dort rissen ihn dann aus heftig dem Sattel. „Ich konnte und wollte das gar nicht glauben, weil ich ja am Vortag ja noch so gut Radfahren konnte! Ich hab mir eine zweite Diagnose geholt, um das überhaupt irgendwie glauben zu können.“ Mit der Bestätigung durch eine zweite Untersuchung traf ihn dann der Schock. Allerdings schimmert bereits in diesem Moment, in dem der lebenslustige Franke die Verletzung akzeptieren muss, auch schon eine neue Motivation durch, dieser vermutlich schon in der DNA programmierte Antrieb eines Sportlers. „Die Ärzte haben mir gesagt, es dauert mindestens sechs Monate, bis so eine Verletzung auskuriert ist.“ Bregis erster Reflex: „Ich hab mir gesagt: OK, das ist jetzt so, die Saison ist erledigt, aber nächstes Jahr fahr‘ ich wieder Rennen. Darauf hab ich meinen Fokus gerichtet.“

# Behandlungszimmer statt Rennstrecke

Dieser ungebrochene Wille weiterzumachen, sich nicht stoppen zu lassen, nicht zu verunsichern, von dem Sportler unisono nach herben Rückschlägen berichten, gräbt sich schnell wieder zurück an die Oberfläche, gewinnt Oberhand und übernimmt wieder die Regie im Denken und Handeln. Auch bei Bregi. Die Wartezeit zwischen Diagnose und Operation ist eine Zeit des Stillstands. Bregi nutzt diese Tage, um sich auf die Zeit nach der OP vorzubereiten, besorgt sich Krücken, macht sich schlau, welche Ernährung die Heilung unterstützen kann, plant mit seinem Physio die ersten Schritte und Termine nach der Zeit im Krankenhaus.

# Erste Stehversuche
# Und Kräftigungsübungen mit dem Körpergewicht

Nach geglückter OP, eine Sehne wurde aus dem Oberschenkel entnommen und daraus ein neues Kreuzband geformt und eingesetzt, war allerdings erstmal alles wie im Nebel. „Es waren die drei einzigen heißen Tage dieses Sommers und ich lag mit Schmerzmitteln zugepumpt und bewegungsunfähig im Krankenhaus.“ Das Gefühl: „Ich habe das Radfahren vermisst und mir in den ersten Tagen nach der OP viele Gedanken gemacht, warum ich überhaupt Rad fahre, warum ich Rennen fahre. Was mich antreibt, den ganzen Aufwand zu betreiben?“ Seine Antwort: „Der Wettkampfgedanke war anfangs unendlich weit weg, mir war klar: Erst irgendwann in der kommenden Saison mach‘ ich wieder eine Startnummer an mein Bike. Ich hatte davor noch nie eine so schwere Verletzung, ich hatte jetzt zum ersten Mal Abstand zum Rennsport.“ Bregi richtet seinen Blick auf die Dinge, die er beim Heilungsprozess beeinflussen kann, lässt sich nicht von Einflüssen ablenken, die er ohnehin nicht beeinflussen kann.

# Ist man durch eine Verletzung gezwungen, die Beine stillzuhalten, leidet die Muskulatur sichtbar
# Mühsam ist das Aufbautraining

Nach der Operation beginnt Bregis langer Weg zurück zu neuer Form, zurück auf die Rennstrecke. Der klassische Ablauf ist: Operation. Rehabilitation. Aufbau der Stabilität. Kraftaufbau. Tests. Langsam wieder zurück auf Fahrrad, aber erstmal auf dem Ergometer langweilige Stunden lang im Stillstand treten, ohne irgendwie spürbar vorwärtszukommen. Als die Fäden drei Wochen nach der OP gezogen wurden, konnte Bregi sein Cannondale Supersix auf die Rolle stellen und für die ersten paar Minuten wieder ein Gefühl fürs Pedalieren entwickeln. Nur vier Wochen nach der OP konnte er mit seinem Supersix wieder auf die Straße – mit Flatpedals und Kurbelverkürzung, aber immerhin.

# Unter Anleitung des Physics standen die ersten Kraft- und Motorikeinheiten auf dem Plan
# Kein Ort ist dafür so geeignet wie ein Fitnessstudio
# Erste Tretversuche
# Nur vier Wochen nach der OP geht es wieder auf das Rennrad

Auf diesen ersten kurzen Runden mit seinen alten Trainingspartnern wird Bregi auch überdeutlich, was ihn eigentlich seit der Diagnose und während der Reha wirklich antreibt: „Nur normal fahren langt mir nicht, das ist mir schon auf den ersten Ausfahrten sofort klar geworden. Meine Trainingspartner haben mich motiviert, allein weil ich wusste: Der fährt am Wochenende Weltcup. Und ich wusste: Da will ich auch wieder hin!“

Der Weg dorthin war lang, verlief aber immerhin ohne Rückschläge: Nur zwei Monate nach seiner OP zeigen Tests, dass sein verletztes Knie wieder 90 Prozent der Stabilität des gesunden Knies hatte. Bregi durfte zum erstem Mal wieder mit seinen geliebten Cannondale Scalpel Mountainbiken. Diese große Liebe zum Biken hat für den immer entspannt wirkenden Franken einen ganz besonderen Ursprung:

„Bei mir wurde in der Grundschule ADHS diagnostiziert. Medikamente waren auf lange Sicht keine Lösung für mich, und ich kam zum Radsport. Ziemlich schnell merkte ich: Das ist nicht nur ein Hobby, das ist meine Leidenschaft.“ – Alex Bregenzer

Das Mountainbike als eine Art lebensveränderndes Vehikel, diese Geschichte kommt sicher manch einem bekannt vor.

Fünf Monate nach der Operation saß Bregi in einem Trainingslager wieder regelmäßig auf dem Bike, mit den Kilometern kam auch die Routine zurück. Und der gewohnte Rennfahrer-Alltag. Am 20. Februar 2022, acht Monate nach seinem Unfall, ist Bregi dann endlich am Ziel – und am Start: Sein erstes Weltcup-Rennen im spanischen Chelva. Die Tage davor, die Anreise, die Minuten vor dem Start waren geprägt von reiner Freude, sagt Bregi heute. Keine Angst, keine Aufregung? „Ich hatte ja quasi ewig langes Training hinter mir, ich hatte Wattwerte und Trainingskilometer, aber im Rennen ist es immer komplett anders als im Training. Aber ich hab mir gesagt: Egal, wie ich fahre, Hauptsache ich fahre!“

# Fünf Monate der der OP standen wieder intensivere Einheiten auf dem Programm
# So sollte schon etwas Laktattoleranz für die ersten Rennen aufgebaut werden

Bei den folgenden Rennen merkt er: Ihm fehlt der Mut bei Abfahrten, es fehlt die Tempohärte, die man sich nur durch Rennkilometer verdient. Im Laufe der Saison sammelt er die nötigen Kilometer, gewinnt Sicherheit und Wettkampfhärte zurück. Bregis neues Ziel: „Ich will in die Top 100 der Weltrangliste fahren!“ Ob das klappt oder nicht: Durch seine Verletzung, die lange Zeit ohne Biken, ohne Rennen hat Bregi seinen Traum nochmal ganz neu für sich entdeckt. Und diese Zwangspause hat seine Einstellung zu seiner großen Liebe komplett verändert: „Auch wenn es doof klingt: Für mich ist jetzt jedes Training, jedes Rennen ein Geschenk. Klar will ich gewinnen – aber heute kann ich jedem Tag auf dem Bike genießen.“

# Zwischen dem Tape - Rennhärte kann man sich nur hier verdienen
# Warmfahren vor dem ersten Rennen - im Hintergrund zischt Elisabeth Brandau vorbei
# Stolz und glücklich nach geglücktem Wiedereinstand

Welche Erfahrungen habt ihr mit schwereren Verletzungen durch das Mountainbiken?

MTB-News.de steht in keiner Weise in finanzieller Verbindung zu Verfasser, Fotograf oder Organisator dieser Fotostory. Der Bericht wurde uns von Cannondale kostenfrei zur Verfügung gestellt.

Text: Felix Boehlken | Fotos: Christof Wolf
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