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Hinter den Kulissen – 7Mesh Inc.
Bike-Bekleidung von den Arc’teryx-Machern

7Mesh ist ein Bekleidungs-Start-Up aus Squamish, BC. Das allein ist noch keine Story. Aber die Gründer von 7Mesh sind unter anderem der CEO, der Supply Chain Director und der Abteilungsleiter Hardgoods der wohl renommiertesten Outdoor-Bekleidungsfirma der Welt: Arc’teryx. Das ist eine Story. 

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Was bringt einen CEO dazu, die Firma zu verlassen, die er selbst aufgebaut hat? Deren Geschicke er über 18 Jahre mitbestimmt hat?

7Mesh ist kein Start-Up wie jedes andere, obwohl es auf den ersten Blick ganz danach aussieht: Aus einer Garage heraus operierend, mit einer zunächst beschränkten Kollektion, aber hohen Zielen. Den Unterschied machen die Menschen dahinter. Das Team von 7Mesh sind keine College-Studenten, die aus einer guten Idee ein Geschäft machen wollen. Das Team von 7Mesh sind tatsächlich Industrie-Veteranen, die für den Erfolg einer der Bekleidungs-Firmen schlechthin verantwortlich sind: Arc’teryx.

# Tyler Jordan - Bei Arc'teryx wurde der CEO häufig für einen Praktikanten gehalten. Auch bei 7Mesh wird er wieder für die Strategie und das Schaffen einer innovativen Kultur verantwortlich sein.

Als Tyler Jordan vor 20 Jahren zu Arc’teryx wechselte, feierte die Firma gerade ihren 5. Geburtstag und machte noch keine Millionen Dollar Umsatz im Jahr mit Klettergurten und Rucksäcken. Während der Rest der Industrie Stoffe und Schaumstoff zu Polsterung vernähte, experimentierten die Gründer 1993 zwar mit ähnlichen Materialien – aber in einer Mikrowelle. Das entstehende Laminat war ungleich komfortabler, leichter und stabiler. An diesen Produkten arbeitete auch Ian Martin, der mit 15 seinen ersten eigenen Klettergurt baute – und benutzte. Betrachtet man eine Jacke, eine Hose oder einen Handschuh der kanadischen Firma, erkennt man die besondere Führung der Nähte oder die besonderen Materialien – und damit die Handschrift von Conroy Nachtigalls Team. Der Designer war damit beauftragt, die Produkte auf den ersten Blick erkennbar und hoch funktionell zu machen. Was Conroy für die Produkte, das war Brian Goldstone für das Marketing: Der gelernte Fotograf war 17 Jahre für den visuellen Auftritt von Arc’teryx verantwortlich. Es liegt an ihm, dass die Homepage der Firma ebenso qualitativ hochwertig wie ihre Produkte wirken. Während die Produkte sicherlich den Kern der Marke bilden, sind es Männer wie Bobby Howell oder Calum Davidson, die ihr enormes Wachstum erst ermöglicht haben, indem sie Produktion und Vertrieb auf solide Füße gestellt haben.

# Ian Martin - Er ist für die Forschung und Entwicklung, die Auswahl der Materialien zuständig.
# Conroy Nachtigall - Der Mann für den richtigen Schnitt, Passform und die visuelle Ästhetik

Diese secks Männer waren nicht Mitarbeiter bei Arc’teryx. Sie waren Arc’teryx. Sie waren, weil sie die Firma inzwischen alle verlassen haben. Als Tyler Jordan 2012 den Anfang machte und nach acht Jahren als CEO seine Kündigung einreichte, da hatte er eigentlich seit 18 Jahren nicht aufgehört zu arbeiten. Als Mitarbeiter einer Outdoor-Firma bestand schnell der Großteil des Freundeskreises aus Kollegen, und der Großteil der Kollegen aus Freunden. Die Grenzen zwischen Besprechung und Freizeit verschwinden, wenn die Firmenthemen im Lift und die Lift-Themen in der Firma besprochen werden. Tyler ist nicht der Typ, der vom Arbeitsplatz aufsteht und die Arbeit liegen lässt. Und er ist nicht der Typ, der Rückschläge hin nimmt. Als seinem Sohn im Alter von 5 Jahren 2006 ein seltener Tumor diagnostiziert wird, kümmert er sich erst um dessen Behandlung und gründet dann eine Stiftung, die betroffene solcher extrem seltenen Krankheiten unterstützt, die Rare Disease Foundation.

# Was für eine Aussicht - "Wenn wir in ein paar Jahren immer noch hier sind und das machen können, was wir am liebsten machen, dann sehe ich das schon als Erfolg." - Tyler Jordan

Die Veränderungen, die ihren Teil zu den Kündigungen beitragen, treten alle langsam, fast schleichend, aber beständig auf. Nach 13 Jahren im Eigentum der Gründer wird Arc’teryx 2002 verkauft. Jeremy Guard, der damalige CEO, verkauft seine Anteile an Adidas, wodurch die bis dahin unabhängige Firma Teil der Salomon Gruppe (Armer Sports), die unter anderem auch Mavic umfasst, wird. Nur kurze Zeit später tritt Jean-Luc Diard, der CEO der Salomon Gruppe, der den Deal mit Arc’teryx eingefädelt hatte, zurück. Weil sich Adidas auf seine Kern-Marke konzentrieren will, wird jetzt die gesamte Salomon Gruppe verkauft. Käufer ist der finnische Konzern Amer, der damit sein selbsterklärtes Ziel, die größte Sportartikel Gemeinschaft der Welt zu werden, erreichen will. Sieben Jahre Wachstum später hat die ehemalige Nischen-Firma 400 Mitarbeiter. Die Produktion wurde Stück für Stück von Kanada größtenteils nach China, Vietnam, Neuseeland, die Philippinen und Vietnam ausgelagert. Die Firma bleibt innovativ, doch es lässt sich nicht drum herum reden: Arc’teryx ist groß geworden und hat sich merklich verändert. Aus den Tüftlern sind Manager geworden. Manager einer Firma, die heute 100 Mal so viel Umsatz macht, wie zu dem Zeitpunkt, zu dem Jordan und seine Kollegen eingestiegen sind.

# Testumgebung - Squamish in British Columbia hat durchaus ein anspruchsvolles Klima für die richtige Bekleidung: Viele Niederschläge, wechselhafte Temperaturen

Tyler Jordans Kündigung 2012 bleibt in der Branche nicht unbemerkt. Zahlreiche Mitbewerber laden den Manager ein, und nach 18 Jahren Fokus auf die eigene Marke lernt er andere Firmenkulturen, Führungsstile und Ideale kennen. Sein Plan ist, ein halbes Jahr ruhig zu machen, und sich dann beruflich weiter zu entwickeln. Als Abschiedsgeschenk haben die Kollegen für Jordan einen Startplatz beim BC Bikerace organisiert. Denn Tyler ist in seiner Freizeit begeisterter Biker. Seine Kletter- und Boulderkarriere war irgendwo bei 5.13 (zwischen IX+ und X-) nach Verletzungen auf sehr hohem Niveau stagniert, die Familie ließ keine Zeit mehr für intensiveres Training, und so war die Begeisterung fürs Biken nach und nach gewachsen. Keiner seiner Freunde traut ihm sechs Monate ohne Beschäftigung zu. Doch das Vakuum, dass sein Engagement im Job hinterlassen hat, macht sich bemerkbar: Er genießt es, seine Kinder von der Schule ab zu holen, geht Biken, Ski fahren, Campen, trifft sich mit Kollegen und Freunden, und ehe er sich versieht, sind aus sechs Monaten zwölf geworden.

# Minimalistisch, langlebig, funktionell und einfach schön - sollen alle Produkte der Firma sein.

In diesen zwölf Monaten ist Tyler in Kontakt mit seinen ehemaligen Kollegen und immer noch Freunden geblieben. Manchen seiner besten Freunde ergeht es wie ihm, auch sie haben Lust darauf, etwas Neues zu beginnen, suchen die Pause oder neue Herausforderungen. In diesem Freundeskreis wächst die Idee, nochmals klein anzufangen. Jeder hat das Wachstum von einer recht kleinen zu einer großen Firma erlebt, doch aus einem Traum ein erfolgreiches kleines Unternehmen zu machen, das hat noch keiner von ihnen erlebt. Die Konstellation ist nahezu ideal: Gemeinsame Ideale und komplementäre Fähigkeiten sind eine solide Basis. Dazu kommt: Das vorhandene Netzwerk könnte weiter genutzt werden, gemeinsam kennt man die richtigen Personen, um vom Start weg erfolgreich zu sein. Gemeinsam schreibt man einen Business-Plan, entwickelt ein Konzept: Die neue Firma soll auch eine Bekleidungsfirma werden, doch anders als Arc’teryx will man sich an Radfahrer richten.

# Sämtliche Prototypen - werden in Squamish gefertigt und getestet. Die Produktion der Klamotten findet dann jedoch wieder bei den bekannten Zulieferern in Fernost statt.

7Mesh – der Name entspringt dem Volksstamm und der Sprache der Einwohner der Gegend um Squamish, Skwxwú7mesh – soll Bekleidung für jede Art von Zweiradsport produzieren. Während man sich wohl bewusst ist, dass der Spagat zwischen Stevie Smith und Lance Armstrong ziemlich schwer zu meistern sein dürfte, sieht man doch auch Gemeinsamkeiten: Alle Radsportler kleiden sich dem Wetter entsprechend, und je schlechter das Wetter, desto größer der Anteil an Bikern, die keine Bike-, sondern Outdoor-Klamotten tragen. 7Mesh Klamotten sollen deshalb richtig funktionelle Bike-Klamotten werden. Gleichzeitig soll sich die Optik so geben, dass sowohl Mountainbiker als auch Rennradler angesprochen werden. Denn so unterschiedlich Armstrong und Smith sein mögen: Die Macher von 7Mesh und viele andere Radsportler fahren Rennrad und Mountainbike. Je nach Wetter, Laune und Jahreszeit fahren sie das eine oder das andere. Doch egal wie breit oder schmal die Reifen, die Kleidung muss funktionieren.

# Eine kanadische Garage - ist durchaus um ein vielfaches größer als eine deutsche. Dennoch sind die Aufgaben, die sich aus der neuen Firma ergeben, ganz andere als bei Arc'teryx.

Um das zu erreichen, will man Dinge anders machen, als es andere Klamottenfirmen machen. Auch wenn der Schritt vom Ski- oder Bergsport hin zum Bikesport kein großer sein mag, das Wissen, dass die Jungs von Arc’teryx im Gepäck haben, ist ein anderes, als das aus der klassischen Bike-Branche. In der Arbeitsweise wird sich bei 7Mesh nicht viel von Arc’teryx unterscheiden. Wenn die Firma ein Produkt vorstellt, dann muss es leicht, langlebig, funktional und einfach schön sein.

# Ein kleiner Ausblick auf die kommende Kollektion - Flache Nähte, Wasserdichte Reißverschlüsse und die etwas andere Anordnung sind bereits zu erahnen.

Jedes Produkt wird dabei die Umgebung widerspiegeln, in der es entwickelt wurde. Die Garage, in der 7Mesh derzeit arbeitet, steht in Squamish in British Columbia, eine Stunde mit dem Auto von Vancouver, wo Arc’teryx sitzt. Die Umgebung ist deshalb ähnlich: Kalte, schneereiche Winter und warme, wechselhafte Sommer. Diesen Anforderungen sollen die Produkte genügen. Anforderungen stehen am Anfang jedes Produkts der Firma: Statt mit Skizzen und Lookbooks zu beginnen, definiert man Anforderungen. Daraus ergeben sich Materialien und Details, aus denen ein Minimum-Required-Product entsteht: Ein Produkt, an dem alles weggenommen wurde, das nicht eine für die Anforderungen notwendige Funktion erfüllt. Meist entsteht daraus bereits ein eigenständiges Design, denn was übrig bleibt, ist fast zwangsläufig leicht, einfach und klar strukturiert. Dieser Hang zum Minimalismus kombiniert mit Kreativität bei Materialien, Materialkombinationen und Verarbeitungstechniken soll die Bekleidung tatsächlich anders machen, als was wir bisher kennen. Die wichtigsten Ziele heißen aber: To become one of the most accomplished cycling brands out there – and to have as much fun on the way as possible!“

# Das 7Mesh Hauptquartier - Zeuge davon, dass bei der neuen Firma die Wege wieder kürzer sind und das Produkt voll und ganz im Mittelpunkt steht.

Wenn Arc’teryx je Bike-Klamotten machen würde, der Ansatz wäre wohl ziemlich ähnlich. Doch so ähnlich die Arbeitsweise sein mag, so unterschiedlich ist die Geschäftssituation: 7Mesh ist eben keine etablierte Firma mehr, die Zulieferer durch ihre Muskeln überzeugen kann, ein neues Fertigungsverfahren zu realisieren oder andere Materialien zu verarbeiten. Was auf den ersten Blick Innovation zu verhindern scheint, könnte sich aber tatsächlich als Vorteil entpuppen: Weil ein Auftrag von 7Mesh bis jetzt mit kleinen Stückzahlen verbunden ist, sind Zulieferer flexibler, was die Methoden angeht. Und wer weiß: Wenn 7Mesh tatsächlich eine Karriere wie Arc’teryx hinlegt, dann könnten die neuen Materialien bald von der Ausnahme zur Regel werden. Ähnliche Gründe hat wohl auch die Firma Gore-Tex überzeugt haben: Erst zum zweiten Mal in der 56-jährigen Firmengeschichte gibt Gore-Tex seine Lizenz zur Verarbeitung der wasserdichten Membran an ein Start-Up heraus.

# Gore-Tex - vergibt zum 2. Mal in 56 Jahren seine Lizenz an ein Start-Up. Auf der Eurobike werden wir sehen, was 7Mesh daraus macht.

7Mesh soll eine der „angesehensten Bekleidungsfirmen der Branche“ werden. Erreichen will man das durch funktionelle, langlebige und minimalistische Kleidungsstücke bester Qualität, die sowohl Rennradfahrer als auch Mountainbiker ansprechen. 7Mesh ist überzeugt, dass Funktionalität nicht schlecht aussehen muss. Die hohen Ansprüche möchte man bereits mit der ersten Kollektion unterstreichen, die auf der Eurobike Ende des Monats präsentiert werden wird. Wir sind gespannt.

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